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Das Hildebrandslied (Hl) ist eines der frühesten poetischen Textzeugnisse in deutscher Sprache aus dem 9. Jahrhundert. Es ist das einzig überlieferte Textzeugnis eines Heldenlieds germanischen Typs in der deutschen Literatur, und darüber hinaus, generell das älteste erhaltene germanische Heldenlied. Das überlieferte heldenepische Stabreimgedicht besteht in herkömmlicher Zählung aus 68 Langversen. Es erzählt primär in althochdeutscher Sprache eine Episode aus dem Sagenkreis um Dietrich von Bern.

Als ältestes und einziges Werk seiner Art ist das Hildebrandslied ein zentrales Objekt germanistisch-mediävistischer Sprach- und Literaturwissenschaft. Den heutigen geläufigen Titel erhielt der eigentlich anonyme Text durch die wissenschaftlichen Ersteditoren Jacob und Wilhelm Grimm. Der Codex Casselanus befindet sich in der Handschriftensammlung der Landes- und Murhardschen Bibliothek Kassel.

InhaltBearbeiten

Hildebrand hat Frau und Kind verlassen und ist als Krieger und Gefolgsmann mit Dietrich in die Verbannung gezogen. Nun kehrt er nach 30 Jahren heim. An der Grenze, zwischen zwei Heeren, stellt sich ihm ein junger Krieger entgegen. Hildebrand fragt diesen, wer sin fater wari (wer sein Vater wäre). So erfährt Hildebrand, dass dieser Mann, Hadubrand, sein eigener Sohn ist. Er gibt sich Hadubrand zu erkennen und versucht durch das Angebot von Geschenken (goldenen Armringen) sich diesem verwandtschaftlich, väterlich zuzuwenden. Hadubrand weist die Geschenke brüsk zurück und meint, er sei ein listiger alter Hunne, denn Seefahrer hätten ihm berichtet, dass sein Vater tot sei (tot is hiltibrant). Mehr noch, die Annäherungsversuche des ihm Unbekannten, der sich als sein Vater ausgibt, sind für Hadubrand ein feiger Verrat an der Ehre seines totgeglaubten Vaters. Ist die Verspottung als "alter Hunne" und die Zurückweisung der Geschenke schon eine Herausforderung zum Kampf, so bleibt Hildebrand nach den Worten Hadubrands, dass sein Vater im Gegensatz zu dem ihm unbekannten Gegenüber ein Mann von Ehre und Tapferkeit sei, kein Weg mehr offen. Nach den Sitten ist er nun gefordert um seiner eigenen Ehre willen die Herausforderung des Sohnes zum Kampf anzunehmen unter Inkaufnahme des Todes, seines, oder des Sohnes. Welt- und kampferfahren ahnt Hildebrand die Dinge voraus, die folgen werden und klagt so über sein furchtbares Schicksal: "welaga nu, waltant got", quad Hiltibrant, "wewurt skihit"; "Wehe, waltender Gott", sprach Hildebrand, "ein schlimmes Schicksal nimmt seinen Lauf!" Zwischen zwei Heeren stehen nun Vater und Sohn; es kommt zum unausweichlichen Kampf. Hier bricht der Text ab. Vermutlich, wie ein späterer altnordischer Text aussagt, endet der Kampf mit dem Tod Hadubrands.

Historische HintergründeBearbeiten

Zeitlich dürfte die Handlung im 5. Jahrhundert einzuordnen sein (Heldenalter). Als Hinweis hierfür dienen die Personen, die im Text angeführt werden: Odoaker, der gegen den Ostgotenkönig Theoderich den Großen  kämpfte. In Vers 35 wird der Herr (Gefolgsherr) der Hunnen Huneo truhtin genannt; vermutlich handelt es sich dabei um Attila. Odoaker war ein Germane vom Stamme der Skiren und hatte im Jahre 476 den letzten weströmischen Kaiser Romulus Augustulus abgesetzt; daraufhin riefen ihn seine Truppen zum König Italiens (rex Italiae) aus. In der germanischen Heldensage wurde Theoderich, ausgehend von den kurzen, episodischen Liedformen, zum Dietrich von Bern (Verona) der heute überlieferten Epik tradiert. Attila wurde später der Etzel/Atli aus dem deutschen und nordischen Nibelungenkontext. Hinter der Figur des Hildebrand wurde von der älteren Forschung (Müllenhof, Heusler) der historische ostgotische Heerführer Gensimund gesehen. Rudolf Much gab schon im frühen 20. Jahrhundert den Hinweis auf Ibba oder Hibba, der bei den zeitgenössischen Historiographen wie Jordanes als Militär Theoderichs erfolgreich operierte.

Nach Much und weiteren Forschern nach ihm wurde Ibba als Kurzform oder Kosename von Hildebrand vermutet mit dem Hinweis, dass die "Ibba" – ebenso wie die Endung "-brand" – im Gotischen nicht nachweisbar sei. Damit würden die Passagen des Liedes bezüglich des jahrzehntelangen Fernbleibens Hildebrands von Frau und Kind mit der Flucht Theoderichs (Ibba/Hildebrand im Gefolge) ihren historischen Grund in der Rabenschlacht finden, zum anderen Ibba/Hildebrand, aufgrund des Namens vermutlich fränkischer Herkunft, ein Gefolgsmann des Theoderich, der sich durch Treue einen hohen Rang in der ostgotischen politisch-militärischen Nomenklatur erworben hat. Dass der Zweikampf zwischen den zwei Heeren aus der verworrenen politischen Situation heraus gegeben war, in der es zu solchen Konfrontationen von nahen Verwandten kam, ist vergleichend historisch belegt. Diese Erfahrungen wurden demnach schon als Bestandteil der langobardischen Urform im Lied reflektiert.

SchlussBearbeiten

Da der Schluss der Handlung nicht überliefert ist, kann nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden, ob das Ende tragisch gestaltet war. Man kann aber davon ausgehen, denn der Text zielt in seiner dramaturgischen Komposition auf den Klimax des Zweikampfes hinaus. Durch die psychologische Gestaltung des Wortwechsels zwischen Vater und Sohn; Hildebrands Zwiespalt zwischen dem väterlichen Versuch der Zuwendung und Annäherung, und der beibehaltenden Wahrung seiner Ehre und selbstverständlichen Position als Krieger spitzt sich die Tragik der Handlung zu. Zeugnis davon gibt das sogenannte "Hildebrands Sterbelied" in der altnordischen Fornaldarsaga Ásmundar saga kappabana aus dem 13. Jahrhundert. Das Sterbelied ist ein fragmentarisch erhaltenes Lied im eddischen Stil innerhalb des Prosatextes der Saga. In sechs unvollständigen Strophen, besonders in der vierten, beklagt Hildibrand retrospektiv den Kampf mit dem Sohn und dessen tragischen Tod.

"Dort liegt mir zu Häupten, der einzige Erbe,
der mein eigen ward; wider Willen
ward ich sein Töter."

Im deutschen Jüngeren Hildebrandslied siegt ebenfalls der Vater, aber die beiden erkennen einander rechtzeitig. Dieser Text ist deutlich hochmittelalterlich geprägt, indem der Zweikampf vom Wesen her die Form des ritterlichen Turniers zeigt, in der Ausprägung eines quasi sportlichen Wettkampfes. Eine spätere Variante (in Deutschland erst in Handschriften zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert erhalten) bietet allerdings eine versöhnliche Variante an: Mitten im Kampf wenden sich die Streitenden voneinander ab, der Sohn erkennt den Vater, und sie schließen sich in die Arme. Diese Version endet mit einem Kuss des Vaters auf die Stirn des Sohnes und den Worten: "Gott sei Dank, wir sind beide gesund." Schon im 13. Jahrhundert ist diese versöhnliche Variante aus Deutschland nach Skandinavien gelangt und dort in die Thidrekssaga eingeflossen (älteste erhaltene Handschrift schon um 1280), einer thematischen Übertragung deutscher Sagen aus dem Kreis um Dietrich von Bern. In der Thidrekssaga wird der Ausgang des Kampfes so geschildert, dass, nachdem sich Vater und Sohn erkannt haben, beide mit Freuden zur Mutter und Ehefrau zurückkehren. Insgesamt ist, im Vergleich mit den späteren Interpolationen, die Tragik die größere und dem germanisch-zeitgenössischen Empfinden entsprechender, wenn der Vater seinen Sohn erschlägt – er löscht damit seine Familie, beziehungsweise Geschlechtslinie aus.

DichtungBearbeiten

Ich hörte sagen, sich heischten zum Kampf
Hildebrand und Hadubrand unter Heeren zwein,
Des Sohns und des Vaters. Sie sahn nach der Rüstung,
Die Schlachtgewänder suchten sie, gürteten die Schwerter an,
Die Recken, über die Ringe, und ritten hin zum Kampfe.
Hildebrand erhob das Wort; er war der hehrere Mann,
Erfahrener und weiser; zu fragen begann er
Mit wenigen Worten, wer sein Vater wäre
Der Helden im Volke, "oder welcher Herkunft du seist.
Sagst du mir nur einen, die andern weiß ich mir:
Kind im Königreiche kund ist mir da Männiglich."
Hadubrand erhob das Wort, Hildebrands Erzeugter:
"Das sagten vor Alters mir unsere Leute,
Alte und weise, die eher dahin sind,
Dass Hildebrand hieße mein Vater; ich heiße Hadubrand.
Früh zog er gen Osten, floh vor Otackers Zorn
Hin mit Dietrichen und seiner Degen viel.
Er ließ im Lande der Hilfe ledig sitzen
Das Weib in der Wohnung und unerwachsenen Sohn,
Erblos das Volk, da er ostwärts hinritt.
Aber darben musste Dietrich seitdem
Meines Vaters, der freundlose Mann.
Dem Otacker war er eifrigst erzürnt;
Aber dem Dietrich der teuerste Degen,
Immer an des Volkes Spitze: Fechten war ihm stets zu lieb.
Kund war er allen kühnen Mannen:
Ich glaube nicht, dass er noch lebt - - -"
"Weiß es Allvater oben im Himmel,
Dass du nie hinfort mehr fährst zum Kampfe
Mit so gesipptem Mann - - - ".
Da wand er vom Arme gewundene Ringe
Aus Kaisermünzen, wie der König sie ihm gab,
Der Herrscher der Heunen: "Dass ich mit Huld dirs gebe."
Hadubrand erhob das Wort, Hildebrands Erzeugter:
"Mit Geren (Speeren) soll man Gabe empfahen,
Schärfe wider Schärfe. Du scheinst dir, alter Heune,
Doch allzu lose, lockest mich
Mit deinen Worten, willst mich mit deinem Speere werfen.
Bist so zum Alter kommen, dass du immer trogst.
Mir aber sagten Seefahrende
Westlich über den Wendelsee, hinweg nahm ihn der Krieg.
Tot ist Hildebrand, Heribrands Erzeugter."
Hildebrand erhob das Wort, Heribrands Erzeugter;
"Wohl hör ich das und sehe an deinem Harnische,
Du habest daheim noch einen guten Herrn,
Musstest nicht entrinnen noch aus diesem Reiche.
Weh nun, waltender Gott, Wehgeschick erfüllt sich!
Ich wallte der Sommer und Winter sechzig,
Dass man stets mich scharte zu der Schießenden Volk:
Vor keiner der Städte doch kam ich zu sterben;
Nun soll mich mit dem Schwerte das eigne Kind erschlagen,
Mit der Waffe treffen, oder ich sein Töter werden.
Doch magst du nun leichtlich, wenn dir langt die Kraft,
Von so ehrwürdgem Mann die Rüstung gewinnen,
Den Raub erbeuten, hast du irgend Recht dazu.
Denn der sei doch der ärgste der Ostleute,
Der dir den Kampf nun weigre nun dich so wohl des lüstet.
In handgemeiner Schlacht entscheide die Begegnung,
Wer von uns heute die Harnische räumen müsse,
Oder dieser Brünnen (Panzer) beider walten."
Da ließen sie zum Ersten die Eschen schmettern
In scharfen Schauern, dass es in den Schilden stand;
Dann stapften zusammen die Steinrandklaren,
Hieben harmlich die hellen Schilde,
Bis ihnen die Linden nicht mehr langten,
Zermalmt mit den Waffen - - -

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